Wir machen Schule

Lesung Safiye Can

Aus dem Kind ist nichts geworden

Aber meinem Onkel

verraten Sie bitte nicht

Dass ich eine Dichterin wurde

Er weint sonst wieder.

 
 

Als ob aus dem Kind nichts geworden wäre! Berührend, sympathisch und herzlich war die Lesung, die am 6. November 2018 auf der Studiobühne der KSL für die 4.-6. Stufe stattfand. Die in Offenbach am Main geborene Lyrikerin mit tscherkessischen Wurzeln, Safiye Can, las und performte aus ihrem neusten Gedichtband „Kinder der verlorenen Gesellschaft (2017)“. Sie ist eine Meisterin der konkreten und visuellen Poesie.

„Warum haben Sie beim Gedicht ‚Der Garten’ das ‚Ga’ etwas tiefer gesetzt“, wollte ein Schüler aus dem Publikum wissen; andere sahen darin sofort einen Vogel oder eine Wolke. Was Safiye Can interessiert, ist, ob ein Gedicht funktioniert.

So gewährte sie auch Einblicke in ihre Arbeitsweise: „Wie ich eine Collage mache?“ Sie schneide aus Zeitungen und Zeitschriften Wörter, Satzfragmente, die sie inspirierten, heraus, bis es genug seien, und dann verfertige sie daraus ihr Gedicht. Kein Wort kommt mehr hinzu. Das sei nicht so einfach, wie es aussehe ...

Cans Themen sind Liebe, Isolation, Fremde, Vertrautheit und Heimat.

Eindrücklich ermahnte sie das Publikum, zu Weihnachten einen Gedichtband zu verschenken sei viel besser als ein Plüschtier oder Süssigkeiten.

Alle, die sich nach der Lesung noch um den Tisch bei Safiye scharten, sie befragten und Bücher signieren liessen, wurden von der Dichterin aufs Herzlichste umarmt.

Sabine Schläpfer